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„Rittergeschichte mit Gespenst“ – als solche könnte man Heinrich von Kleists Erzählung „Das Bettelweib von Locarno“ bezeichnen. Dass in der kaum 1000 Wörter starken Geschichte mehr steckt, musste nicht erst die Legion von Wissenschaftlern zeigen, die sich im Laufe der letzten 200 Jahre mit dem Text auseinandersetzten. Wie hat Kleist so viel Bedeutung in so wenig Text legen können?
Zugegeben, es handelt sich bei der Novelle durchaus um eine „Rittergeschichte mit Gespenst“. Allerdings nur auf den ersten Blick und wunderbarer Weise lädt die Geschichte (auch gerade dank ihrer Kürze) zu einer sofortigen erneuten Lektüre ein. Und schon wird deutlich, dass der Ausspruch dem Stück nicht gerecht wird. Ein Ritter taucht zwar auf, allerdings dampft er vier Sätze später auch schon wieder ab, nachdem ihm das besagte Gespenst unter die Augen getreten – eigentlich viel eher zu Ohren gekommen – ist.
„Rittergeschichte“ trifft den Kern des ganzen also nicht wirklich (ganz zu schweigen davon, dass der Ritter das genaue Gegenbild zu seinen vielbeschworenen Kollegen ‚ohne Furcht und Tadel‘ darstellt). Und ein Gespenst sehen wir als Leser auch nicht und ebenso wenig die Figuren, denn zu sehen gibt es da nichts. Der Spuk ist rein akustischer Natur. Beschrieben wird er als „gespensterartig“ und „unbegreiflich“. Dabei ist dem Leser doch sofort klar, worin die mitternächtlichen Geräusche ihren Ursprung haben, ganz im Gegensatz zu den Figuren, die den Zusammenhang zwischen dem Bettelweib und dem Spuk an keiner Stelle herstellen. Wie also wurde aus dem Geräusch ein Gespenst?
Der Erzähler ist schuld
Tatsächlich ist es der Erzähler der Geschichte, der auf seine schelmische aber nicht gerade erfahren wirkende Art versucht, uns den Geist weiß zu machen. Nachdem der furchtsame und tadelnswerte Ritter aus Florenz wieder eben dorthin zurückgekehrt ist, kommt es noch drei Mal zum Spuk. Wichtigster Handlungsträger dabei ist die tragische Hauptfigur der Erzählung, der Marchese, welcher, glaubt man einigen Interpretatoren, auch der Auslöser der ganzen Misere ist.
Wir Leser begleiten ihn und sehen, was er sieht, denn liest man den Text genau, fällt auf, dass es nicht der Erzähler, der die Geräusche hört und den Spuk erlebt. Der Erzähler selbst war ja nicht vor Ort und kann nur durch die Augen seines tragischen Helden sehen, was sich zugetragen hat. Schließlich muss er sogar einen Hund bemühen, der die Geistererscheinung auch optisch bestätigt. Ein simpler, aber effektiver Trick, gelten Hunde doch mythologisch seit jeher als ‚geistersichtig‘.
Ebenso simpel wie effektiv ist das Vorgehen des Erzählers in Bezug auf die grammatische Zeit: Erst erzählt er im Präteritum, doch als sich die Handlung ihrem Höhepunkt neigt, wechselt er plötzlich ins Präsens. Das moralisch aufgeladene Ende der Geschichte wird wieder in der Vergangenheit formuliert. So könnte es auch in einem „Wie schreibe ich eine spannende Geschichte“-Leitfaden stehen.
Erst Klatsch und Tratsch, dann Schall und Rauch
Besonders interessant ist das Motiv der Rede im Bettelweib von Locarno. Der bereits erwähnte Ritter aus Florenz ist nämlich nicht nur erster (Ohren-)Zeuge des Spuks, sondern auch der Grund dafür, dass noch etwas im Schloss „umgeht“: Ein Gerücht. Kaum ist der Ritter abgereist, spricht bereits das ganze Personal des Marchese über den vermeintlichen Spuk. Naheliegend ist, dass sich dieses Gerücht bis in die umliegenden Dörfer ausbreitet, denn wie sonst sollten die am Schluss der Geschichte erwähnten Landleute auf die Idee kommen, die Überreste des Marchese an besagter Stelle zur letzten Ruhe zu betten?
Und macht nicht auch der Erzähler den Eindruck, als ob er eben jenem Gerücht aufgesessen ist und nur einer von vielen Erzählern ist, die diese Geschichte in die Welt hinaustragen? Dafür spricht, dass der Text wie eine mündliche Überlieferung daherkommt. Die Sätze wollen kein Ende finden und sind gespickt mit erklärenden Einschüben: „wenn man vom St. Gotthard kommt“, „die sich bettelnd vor der Tür eingefunden hatte“, „bei der Rückkehr von der Jagd“. Eine Häufung nicht zwingend erforderlicher Informationen, wie sie vor allem dann vorkommt, wenn man eine Geschichte (ohne Vorbereitung) wieder-erzählt. Auch der erste und der letzte Satz der Erzählung wirken wie der Versuch, das Ganze abzurunden. Als Leser stolpert man vor allem über die seltsame Wiederholung des Titels am Ende.
Die Lesart, nach der Heinrich von Kleists Erzählung von 1810 eine Geschichte über die Entstehung und Verbreitung von Gerüchten sein könnte, wird noch interessanter, wenn man bedenkt, dass Kleist sie zum ersten Mal in der zehnten Ausgabe seiner Zeitung Berliner Abendblätter veröffentlicht. Ein journalistisches Stück ist Das Bettelweib von Locarno sicher nicht, doch sie ist so Vieles mehr: Einen ironischen Kommentar auf die damalig populären Motive in der Literatur („Rittergeschichten mit Gespenst“), eine sozialkritische Komponente, eine psychologische Komponente und nicht zuletzt eine Analogie auf die Entstehung von Mythen und Geschichten aus bloßem Klatsch und Tratsch heraus.
Das Bettelweib von Locarno auf Projekt Gutenberg nachlesen
Weiterführende Literatur (Auswahl)
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