Mitte 2025 habe ich als leidenschaftlicher D&D-Spieler endlich den großen Schritt gewagt: Spielleiter einer eigenen Runde werden. Da ich viel zu wenig Zeit habe, mir selbst eine Welt auszudenken und ich mich am Anfang nicht komplett selbst überschätzen wollte, war für mich als Horror-Fan nach kurzer Google-Recherche klar: Curse of Strahd (zu deutsch: Fluch des Strahd) muss es sein…so viel zum Thema „keine Selbstüberschätzung“.
Ein Jahr und 20 Sessions später kann ich sagen: Meine Gruppe ist mittlerweile voll und ganz in Barovia angekommen und wir haben bei unseren regelmäßigen zweiwöchentlichen Sessions einen Heidenspaß! Allerdings wäre es vermessen zu sagen, dass auf dem bisherigen Weg alles so lief wie geplant. Einiges von dem, was ich mir erhofft und gewünscht habe, hat nicht funktioniert, manches habe ich nicht richtig durchdacht und vieles lief ganz anders, als ich es ursprünglich geplant hatte.
Meine Erfahrungen, Fehler und Tipps will ich in dieser (kleinen?) Serie von Blog-Posts zusammenfassen, damit angehende DMs davon lernen können, vor allem – aber nicht nur – wenn sie wie ich die BESTE D&D-KAMPAGNE ÜBERHAUPT (landläufige Meinung, nicht nur meine) spielen wollen. Viel Spaß beim lesen & lernen!
Kenny
Bevor gewürfelt wird: Meine Session Zero
Meine erste Session als Dungeon Master begann nicht mit einem Würfelwurf, sondern mit einer Liste. Auf ihr standen Dinge, die ich am Tisch niemals zeigen würde. Klingt unspektakulär für den Auftakt einer Horror-Kampagne, ist aber der wichtigste Termin überhaupt: die Session Zero. Kein Würfel, keine Kämpfe, nur Erwartungen. Drei Sachen habe ich dabei richtig gemacht und eine, bei der ich noch dazugelernt habe.
| Problem | Learning & Lösung |
| Keine Beziehung zwischen den Charakteren | Beziehungen vorab bestimmen; 2-3 Charaktere sollten sich innerweltlich bereits kennen, um Dynamiken und Rollenspiel zu erleichtern (insbesondere für neue Spieler*innen) |
| Backstory | Zu frei ist schwierig einzubauen bei einer vorbegfertigten Kampagne, zu starr vorgegeben kann dazu führen, dass die Backstory von Spieler*innen ignoriert wird. Hier also ins direkte Gespräch gehen und gemeinsam etwas austüfteln, worauf alle Bock haben. |
| Grenzüberschreitung (besonders bei Horror) | Nicht jede*r liebt Horror (in all seinen Formen und Farben) so sehr wie ich, daher ist es wichtig, vorab Lines and Veils zu klären; Arachnophobiker*innen am Tisch? Lieber keine Riesenspinnen einbauen; Problem mit Body-Horror? Lieber auf Beschreibungen von Mutationen, Wunden, Verunstaltungen verzichten etc. |
Lektion 1: Safety zuerst
Bevor irgendjemand einen Charakter ausgespielt hat, habe ich zwei Listen vorgelesen. Die erste: Was ich definitiv nicht darstelle. Die zweite: Was sich in einer Horror-Kampagne nicht ganz vermeiden lässt, aber nur angedeutet und nicht ausgespielt wird. In der Rollenspiel-Sprache heißt das Lines and Veils, auch wenn ich es damals nicht so genannt habe.
Der eigentliche Punkt war aber nicht die Liste. Es war der Satz danach: Wenn sich jemand auf Dauer unwohl fühlt, bitte meldet euch. Diese Einladung ist wichtiger als jede vorbereitete Grenze, denn kein Plan überlebt den Kontakt mit einem echten Tisch.
Lektion 2: Erwartungen abfragen und einbauen
Danach habe ich gefragt, worauf die Runde eigentlich Bock hat. Epische Fights? Rollenspiel? Die Welt entdecken? Rätsel lösen? Die Antworten waren gemischt, und genau das war die Lektion: Abfragen allein reicht nicht, es muss sich im Prep niederschlagen. Wer Rätsel wollte, bekam später eine Krypta. Wer kämpfen wollte, einen magischenSteinkreis mit Geistern. Als Anfänger neigt man dazu, seine eigene Lieblingsszene zu bauen. Session Zero ist der Moment, an dem man das gegen die Wünsche der Gruppe abgleicht.
Lektion 3: Die Hausaufgabe als Trick
Am Ende gab es Hausaufgaben, drei Fragen: Kennen sich eure Charaktere untereinander und wenn ja, woher? Warum ist euer Charakter in der Taverne (ja, wir haben den guten alten „You all meet in a tavern“-Move gemacht)? Und wo sitzt ihr dort? Das löst ein Problem, an dem viele Runden zerbrechen, bevor sie anfangen: Warum ist diese Gruppe überhaupt zusammen? Kleine, konkrete Prompts erzeugen Buy-in, ohne dass ich seitenlange Biografien lesen muss. Ein Charakter mietete ein Zimmer, um seine Memoiren zu schreiben, ein anderer arbeitete in der Küche. Zwei Sätze pro Person, und die Taverne war plötzlich bevölkert.
Learning: Notfalls Bekanntschaften erzwingen!
Letzten Endes haben sich alle Spieler*innen dazu entschieden, einen „lonely wolf“ zu spielen – so weit zu passend fürt eine Horror-Kampagne wie „Strahd“. Das führt aber gerade bei noch unerfahrenen Spieler*innen dazu, dass sie sich schwertun Bindungen zu den anderen Charakteren aufzubauen. Untereinander kennt sich meine Gruppe relativ gut, innerweltlich sind sie auch nach vielen Sessions noch Fremde füreinander.
Im Nachhinein hätte ich zumindest ein oder zwei Bekanntschaften erzwingen sollen, wie „Zwei von euch sind alte Freunde und treffen sich zufällig wieder“ oder „Zwei (bis drei) von euch, haben vor kurzem ein kleines Abenteuer zusammen erlebt: Welches?“
Das gibt Spieler*innen die Möglichkeit, sich über ihre Chataktere Gedanken zu machen, ihre Backstory tiefer auszuarbeiten und schafft von Anfang an Bindungen.
Lektion 4: Backstory gegen Setting
Hier habe ich am meisten dazugelernt. Fluch des Strahd ist eine vorgegebene Welt, und die frei erfundenen Hintergründe von Spieler*innen lassen sich womöglich schlecht damit verbinden. Also habe ich passende Hintergründe vorgeschrieben und angeboten. Das war ein Kompromiss, und ehrlich gesagt kein ganz bequemer: Ich habe Spieler-Freiheit gegen die Kohärenz der Welt eingetauscht.
Rückblickend würde ich früher offen ansprechen, was das Setting hergibt und was nicht, statt es über vorgefertigte Hintergründe zu lösen. Wer eine Kaufkampagne leitet, sollte diese Spannung von Anfang an benennen. Abgesehen davon kann man vorher nie wissen, wie gut diese vorgegebenen Hintergrüned angenommen werden (kleiner Spoiler: Von sehr gut ausgespielt bis vollkommen ignoriert war bei uns alles dabei).
Do & Don’t
Do: Grenzen aussprechen und aktiv zum Melden einladen. Erwartungen abfragen und im Prep einlösen. Mit kleinen, konkreten Prompts arbeiten.
Don’t: Safety in einem Alibi-Satz abhaken. Deine Lieblingsszene über die Wünsche der Gruppe stellen. Von Stufe-1-Charakteren fertige Roman-Biografien erwarten.
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